Haltung zeigen, Verantwortung übernehmen: Zivilcourage an der Hohen Landesschule Hanau

Theaterpädagogischer Workshop mit einer 8. Klasse am Hanauer Gymnasium
Hanau, 19.02. & 20.02.2026
Zivilcourage beginnt dort, wo junge Menschen lernen, schwierige Situationen nicht einfach hinzunehmen. Gerade im Schulalltag können Momente entstehen, in denen Ausgrenzung, Gruppendruck, rassistische Aussagen oder verletzende Kommentare sichtbar werden. Dann stellt sich die Frage: Schaue ich weg oder finde ich eine Möglichkeit, verantwortungsvoll zu handeln?
Am 19. und 20. Februar 2026 war der Tuğçe Albayrak e. V. mit seinem theaterpädagogischen Bildungsformat „Alltagshelden – Zivilcourage erleben“ an der Hohen Landesschule Hanau zu Gast. Gemeinsam mit 30 Schüler einer 8. Klasse entstand an zwei Workshoptagen ein geschützter Raum, in dem die Jugendlichen Zivilcourage nicht nur besprechen, sondern praktisch erproben konnten.
Dass der Workshop am 19. Februar begann, war bewusst gewählt. Der 19. Februar ist für Hanau ein Tag des Gedenkens: Am 19. Februar 2020 wurden bei dem rassistischen Anschlag in Hanau neun Menschen aus rechtsextremistischen Motiven ermordet. Auch an der Hohen Landesschule wurde an diesem Tag an die Opfer erinnert. Im Rahmen einer besonderen Projektwoche setzte die Schule damit ein wichtiges Zeichen gegen Rassismus, Ausgrenzung und Menschenfeindlichkeit. Der Workshop fügte sich in diesen Rahmen ein und eröffnete den Jugendlichen die Möglichkeit, sich aktiv mit der Frage auseinanderzusetzen, was Erinnern im Alltag bedeuten kann: nicht wegzusehen, Betroffene ernst zu nehmen und Verantwortung füreinander zu übernehmen.
Erinnern bedeutet auch Handeln
Der Bezug zum 19. Februar verlieh dem Workshop eine besondere Tiefe. Zivilcourage wurde nicht nur als allgemeines Thema behandelt, sondern mit einer konkreten gesellschaftlichen Verantwortung verbunden. Die Jugendlichen setzten sich damit auseinander, wie Vorurteile, Abwertung und Ausgrenzung entstehen können und warum es wichtig ist, menschenfeindlichen Haltungen frühzeitig entgegenzutreten.
Dabei ging es nicht darum, die Schüler mit dem Gedenken zu überfordern. Vielmehr wurde ein Raum geschaffen, in dem Fragen nach Mitgefühl, Verantwortung und Haltung altersgerecht aufgegriffen werden konnten. Die Erinnerung an die Opfer des Anschlags machte deutlich, dass Rassismus und Menschenfeindlichkeit keine abstrakten Begriffe sind, sondern reale Folgen haben. Gerade deshalb ist es wichtig, jungen Menschen Handlungsmöglichkeiten zu eröffnen und sie darin zu bestärken, im Alltag aufmerksam und solidarisch zu bleiben.
Zivilcourage sichtbar machen
Im Zentrum des Workshops standen Alltagssituationen, die vielen Jugendlichen vertraut sind: Was passiert, wenn jemand ausgeschlossen wird? Wie fühlt es sich an, wenn eine Gruppe schweigt, obwohl etwas Verletzendes geschieht? Und welche Möglichkeiten gibt es, einzugreifen, ohne sich selbst oder andere zusätzlich zu gefährden?
Durch theaterpädagogische Übungen wurden solche Fragen auf eine konkrete und erfahrbare Weise bearbeitet. Die Schüler entwickelten Szenen, wechselten Perspektiven und probierten unterschiedliche Reaktionen aus. Dabei wurde deutlich, dass Zivilcourage nicht immer eine große Geste sein muss. Manchmal beginnt sie mit einem klaren Blick, einem ruhigen Satz, dem Hinzuholen einer weiteren Person oder der Entscheidung, einer betroffenen Person nicht allein zu lassen.
Besonders wichtig war dabei die körperliche Erfahrung. Die Jugendlichen setzten sich mit Haltung, Stimme, Blickkontakt und Abstand auseinander. Sie konnten beobachten, wie sich eine Szene verändert, wenn jemand selbstbewusst auftritt, Unterstützung signalisiert oder deeskalierend eingreift. So wurde Zivilcourage nicht als abstrakter Begriff vermittelt, sondern als Fähigkeit, die eingeübt und reflektiert werden kann.
Theater als Übungsraum für Verantwortung
Theaterpädagogik eröffnet Jugendlichen die Möglichkeit, soziale Situationen nicht nur von außen zu betrachten, sondern sie aus unterschiedlichen Rollen heraus zu erleben. Dadurch werden Dynamiken sichtbar, die im Alltag häufig unausgesprochen bleiben: Wer übernimmt Verantwortung? Wer zieht sich zurück? Wer braucht Unterstützung? Und was verändert sich, wenn jemand den ersten Schritt macht?
An den beiden Workshoptagen wurde deutlich, dass Zivilcourage erlernbar ist. Die Schüler konnten erfahren, dass mutiges Handeln nicht bedeutet, sich kopflos in Gefahr zu bringen. Es bedeutet vielmehr, aufmerksam zu sein, Betroffene ernst zu nehmen, Unterstützung zu organisieren und im Rahmen der eigenen Möglichkeiten Haltung zu zeigen.
Gerade im Zusammenhang mit dem Gedenken an den 19. Februar wurde diese Botschaft besonders greifbar. Erinnerung bleibt nicht bei einem stillen Moment stehen, sondern kann zu einer Haltung werden: rassistische Aussagen nicht zu normalisieren, Ausgrenzung wahrzunehmen und im Alltag für ein respektvolles Miteinander einzustehen.
Ein Impuls, der weiterwirken kann
Der Workshop an der Hohen Landesschule Hanau zeigte, wie wirkungsvoll theaterpädagogische Bildungsarbeit sein kann, wenn sie Jugendlichen Raum für Erfahrung, Reflexion und eigenes Handeln gibt. Zivilcourage wurde nicht als fertige Antwort vermittelt, sondern als Prozess: hinschauen, abwägen, unterstützen, Grenzen setzen und Verantwortung übernehmen.
Wir bedanken uns herzlich bei den 30 Schüler der 8. Klasse für ihre Offenheit und ihre Bereitschaft, sich auf die Übungen und Perspektivwechsel einzulassen. Ebenso danken wir Patricia Böhn-Kaiser für die Begleitung der Klasse sowie Julian Reibling für die angenehme Zusammenarbeit und die organisatorische Unterstützung.
Die beiden Workshoptage haben gezeigt, dass Mut im Alltag nicht laut sein muss, um wirksam zu sein. Manchmal beginnt er dort, wo jemand aufmerksam bleibt, eine Grenze wahrnimmt und entscheidet: Ich schaue nicht weg.
Ansprechpartnerin: Fabienne Fromm
Projektkoordination




Comments